Südwesten erhält Bundesmittel für Demenzforschung
HEIDELBERG (mm). Forschungsprojekte zum Thema Demenz werden in Baden-Württemberg vom Bund mit zwei Millionen Euro gefördert. Die für zwei Jahre vorgesehene Unterstützung fließt nach Angaben der Parlamentarischen Staatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD) im Bundesgesundheitsministerium an das Universitätsklinikum Freiburg, an die evangelische Fachhochschule Freiburg, an das Geriatrische Zentrum Ulm und die Universität Ulm.
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Zum Arbeiten gekommen, alt geworden in Deutschland
Im Versorgungsalltag bleiben die spezifischen Bedürfnisse von Migranten oft unerkannt
BERLIN. Immer mehr Migranten oder Menschen mit Wurzeln im Ausland werden in Deutschland alt. Diese Entwicklung stellt die Gesundheitsversorgung und Pflege vor neue Herausforderungen. Von Angela Mißlbeck
Migranten profitieren zu selten vom deutschen Gesundheitswesen. Diese Auffassung vertritt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer. Sprachbarrieren und kulturelle Hürden erschweren vor allem Einwanderern aus islamischen Ländern den Zugang zu den Angeboten des Gesundheitssystems. Deshalb wird auf Kulturdolmetscher oder so genannte interkulturelle Gesundheitslotsen gesetzt. Beispiele sind das MiMi-Projekt ("Mit Migranten für Migranten") des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen in Zusammenarbeit mit dem Ethnomedizinischen Zentrum Hannover oder der Gemeindedolmetschdienst von Gesundheit Berlin, bei dem Migranten als Dolmetscher und Kulturvermittler in Krankenhäusern und Arztpraxen hinzugezogen werden können.
Demografische Entwicklung bei Migranten wurde lange ignoriert
Die Einbeziehung von Migranten in die deutsche Gesundheitsversorgung darf jedoch nicht auf Projekte beschränkt bleiben. Das fordert die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner besonders mit Blick darauf, dass immer mehr Migranten in Deutschland alt werden. "Es reicht nicht aus, noch ein Projekt mehr zu machen. Vielmehr wird es darauf ankommen, ob es uns gelingt die Regelsysteme für die Bedürfnisse älterer Migranten zu öffnen", so Knake-Werner. Ihrer Ansicht nach hat Deutschland die Entwicklung älter werdender Migranten lange Zeit verschlafen. "Wir haben uns zu spät darauf eingestellt, dass ein Großteil der Migranten hier alt wird und auch Altenpflege braucht", so Knake-Werner. Die Berliner Sozial- und Pflegesenatorin hält unter anderem mehr muttersprachliche Angebote für ältere Migranten für nötig. Inzwischen gibt es zwar etliche Pflegedienste und -heime, die von Migranten geführt werden. So betreiben unter anderem die Marseille-Kliniken in Berlin-Kreuzberg ein Pflegeheim speziell für türkische Migranten. "Ich erwarte jedoch von allen Einrichtungsträgern, dass sie sich mit dieser Frage beschäftigen. Es darf sich nicht auf einzelne Einrichtungen beschränken", so Knake-Werner.
Krankheitsbild Demenz ist in vielen Kulturen tabuisiert
Ein besonderes Problem stellt die Demenzversorgung von Migranten dar. Das Krankheitsbild ist in vielen Kulturen stark tabuisiert. Angehörige neigen deshalb dazu, die Betroffenen zu verstecken, statt sie einem Arzt vorzustellen. Der Sozialverband VdK hat deshalb ein Beratungszentrum für demenziell erkrankte Migranten und ihre Angehörigen ins Leben gerufen. Die Leiterin dieses Zentrums, Derya Wrobel, weist auf die Besonderheiten der Demenz bei Migranten hin. "Durch den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses geht der Migrationserfolg verloren. Das Bewusstsein, in einem Einwanderungsland zu leben, ist weg, die Zweitsprache Deutsch ebenfalls. Hausärzte und Neurologen tun sich deshalb schwer, ein Gesamtbild der Patienten zu gewinnen", sagt Wrobel. Hilfreich sind hier Ärzte, die selbst einen Migrationshintergrund haben, wie zum Beispiel der Berliner Hausarzt Dr. Sükrü Güler. Für sein Engagement in der Integration der kurdischen Bewohner Berlins ist er vor kurzem vom Bundespräsidenten ausgezeichnet worden. 80 bis 90 Prozent der rund 1200 Patienten pro Quartal in seiner Kreuzberger Praxis stammen aus islamischen Ländern. Für sie ist der kurdische Hausarzt nicht nur Mediziner, sondern auch Sozialarbeiter und Übersetzer. "Die Arztpraxis ist auch ein Ort der Kommunikation. Es ist sehr wichtig, dass die Patienten sich als Menschen akzeptiert fühlen", sagt Güler. Seine Patienten bringen ihm oft die Amtspost zur Erläuterung mit. Auch andere Ärzte und Apotheken rufen ihn an, wenn es Verständigungsschwierigkeiten mit Migranten gibt. Güler hat in den 70er Jahren in Berlin Medizin studiert und dabei den Verein kurdischer Ärzte mitbegründet. Der Verein veranstaltet regelmäßig Fortbildungen zu wichtigen Gesundheitsproblemen von Migranten, an denen auch deutsche Ärzte teilnehmen.
Psychosomatische Erkrankungen sind weit verbreitet
Eines der wichtigsten Themengebiete ist aus Gülers Sicht die Psychosomatik. Diese Art von Beschwerden ist bei Migranten seiner Erfahrung nach weiter verbreitet als bei Deutschen. Die Ursachen liegen für Güler auf der Hand: "In den Herkunftsländern leben diese Menschen in Großfamilien, hier sind sie allein. Besonders Frauen, die hierher kommen, sind oft sehr einsam und meist nur zu Hause. Da fangen die Krankheiten an", sagt der kurdische Arzt. Dabei sei es schwer, bei den Patienten ein Bewusstsein für die psychischen Komponenten ihrer Erkrankung zu wecken. Gesprächstherapie werde als Behandlungsform kaum akzeptiert, Medikamente dagegen würden eingenommen. Güler geht zudem davon aus, dass die Probleme in der Gesundheitsversorgung von Migranten in dem Maß wachsen, wie die Menschen hier alt werden. Einer adäquaten Pflege stünden extreme Schamgefühle im Weg: Ein alter Mann lasse sich beispielsweise äußerst ungern von einer jungen Frau pflegen.
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Uralt heißt nicht senil
Keine Demenz oder Atherosklerose bei 115-jähriger Frau
GRONINGEN (ars). Altern ist nicht unvermeidlich mit kognitiven Einbußen oder gar einer Demenz verknüpft. Das folgern niederländische Wissenschaftler aus den Untersuchungsbefunden einer Frau, die bei ihrem Tod mit 115 Jahren als älteste Frau der Welt galt (Neurobiology of Aging online). Bis zum 105. Lebensjahr hatte sie unabhängig zu Hause gelebt, erst danach wegen ihrer Sehschwäche in einem Pflegeheim. Die Forscher aus Groningen schildern sie als lebhafte und energische Dame, voll Interesse an der Welt um sie herum. Bei neurologischen und psychologischen Tests im Alter von 112 und 113 Jahren entsprachen ihre geistigen Leistungen denen von 60- bis 75-Jährigen. Die Obduktion ergab weder die geringsten Anzeichen einer Atherosklerose in den Gefäßen, noch Alzheimer-typische Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. _______________________________________________________________________
Pflege Alzheimer-Kranker macht Angehörige selbst krank
Umfrage: Etwa 20 Prozent der pflegenden Angehörigen haben psychische Störungen
BERLIN (mal). Über die Hälfte der Alzheimer-Kranken lebt zuhause. Jeder fünfte pflegende Angehörige hat psychische Störungen, etwa depressive Episoden, die eine Therapie erforderlich machen. Und: Eine konsequente antidementive Therapie kann sich positiv auf die Lebensqualität der Angehörigen sowie deren Betreuungsaufwand auswirken.
Das sind Ergebnisse der Initiative PAULA, die kürzlich in Berlin vorgestellt worden sind. PAULA steht für "Patienten- und Angehörigen-Unterstützung im Leben mit Alzheimer". Die Initiative ist vom Unternehmen Janssen-Cilag gestartet worden, um Alzheimer-Patienten und ihre Angehörigen nach der Demenz-Diagnose gezielt zu unterstützen.
Jeder zweite Patient wird von Angehörigen betreut
In einer ersten Phase der Initiative sind im vergangenen Herbst an 850 niedergelassene Neurologen und Psychiater Fragebögen verteilt worden, um die Situation von Alzheimer-Kranken und ihren Angehörigen zu erfassen (wir berichteten). Die Antworten von 637 Ärzten zu über 58 000 Alzheimer-Patienten wurden ausgewertet. Danach haben die meisten (41 Prozent) der von den Kollegen betreuten Alzheimer-Patienten eine mittelschwere Demenz, 27 Prozent sind leicht, 32 Prozent schwer erkrankt. 49 Prozent der Patienten leben in einem Haushalt mit Angehörigen, 40 Prozent werden in einem Heim versorgt, die übrigen leben allein. Bereits bei Patienten mit leichter Alzheimer-Demenz müssten die Angehörigen täglich etwa zwei Stunden für die Betreuung aufwenden. Jeder fünfte Angehörige hat Kontakt zu Selbsthilfegruppen Diese Belastung kann wiederum schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen zur Folge haben. Etwa 20 Prozent der Angehörigen von Alzheimer-Patienten müssten aufgrund psychischer Störungen, etwa Depressionen, selbst medikamentös behandelt werden. Etwa 21 Prozent nähmen mit einer Selbsthilfegruppe Kontakt auf, so das Unternehmen. Bei der Bewertung der vier für die Therapie von Alzheimer-Patienten zugelassenen Wirkstoffe sei Galantamin (Reminyl®) von den meisten beurteilenden Kollegen als die bei mittelschwerer Alzheimer-Demenz insgesamt am besten wirksame Medikation bewertet worden, so das Unternehmen. Die positive Wirkung auf die Lebensqualität der Angehörigen sowie deren Betreuungsaufwand sei nach Ansicht der meisten befragten Ärzte bei Galantamin am besten dokumentiert. Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen habe in seiner Bewertung der Cholinesterase-Hemmer bei Patienten mit Alzheimer-Demenz bestätigt, dass Galantamin nicht nur auf die kognitive Leistungsfähigkeit und die Fähigkeiten, im Alltag zurecht zu kommen, wirke, sondern dass es auch Hinweise auf günstige Effekte auf psychopathologische Symptome, auf die Lebensqualität der betreuenden Angehörigen und auf den Betreuungsaufwand gebe.
STICHWORT
Initiative PAULA
PAULA - das steht für "Patienten- und Angehörigen-Unterstützung im Leben mit Alzheimer" - ist eine Initiative von Janssen-Cilag. Sie hat das Ziel, die Versorgung von Alzheimer-Patienten und so auch die Situation pflegender Angehöriger zu verbessern. In einer ersten Phase vom September bis Dezember 2007 sind dafür 850 Fachärzte befragt worden. In einer zweiten Phase vom Januar bis August 2008 werden Angehörige von neu diagnostizierten Alzheimer-Patienten zwölf Wochen lang ein Tagebuch führen und eine Einschätzung ihrer eigenen Lebensqualität und des Betreuungsaufwandes vornehmen. Ein Gesundheitscoach unterstützt die Angehörigen. Während der zwölfwöchigen Erhebungsphase nimmt der Coach sechsmal Kontakt mit den Angehörigen auf. Er kann auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen herstellen.
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Es geht um ehrliche Antworten
Von Christoph Fuhr Schluss mit der Heuchelei! Im deutschen Gesundheitswesen wird rationiert. Nicht offen und ehrlich, sondern verdeckt und klammheimlich. Die Delegierten des am Freitag zu Ende gegangenen 111. Deutschen Ärztetags in Ulm haben in der vergangenen Woche viele Botschaften ins Land gesendet, aber keine dieser Botschaften hat offenbar einen größeren öffentlichen Wirbel verursacht als die von der Rationierung. Das Medienecho war überwältigend, das Thema ist in den Köpfen der Menschen angekommen. Da passte es gut, dass die Versorgung von Demenzpatienten ein zusätzlicher Themenschwerpunkt des Ärztetags war. Einen idealeren Versorgungsbereich, um Rationierungsargumente der Ärzte auf Glaubwürdigkeit abzuklopfen, kann es kaum geben. Pflegende Angehörige können von Defiziten ein Lied singen. Rationierung ist für diese Menschen kein leeres Geschwätz, sondern Realität. Die Chance, dass das Thema in der Bevölkerung präsent bleibt, ist groß. Der Ärztetags-Zug mit der Rationierungs-Botschaft hat von Ulm aus Fahrt aufgenommen. Schnurstracks in Richtung Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr. Das kann noch spannend werden. Fakt ist - und das gilt keinesfalls nur für den Bereich Demenz - dass viele Patienten längst nicht die Versorgung bekommen, die sie eigentlich benötigen. Deshalb Schluss mit der Heuchelei! Ärzte und Patienten erwarten von Politikern endlich ehrliche Antworten.
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"Es geht um Lebensqualität, Selbstverantwortung und Teilhabe"
Fachliche und ethische Standards müssen sich bei der Versorgung von Demenzpatienten ergänzen. Wie kann das funktionieren? Dazu hat der Heidelberger Gerontologe Professor Andreas Kruse eine beim Ärztetag viel beachtete Rede gehalten, die wir in Auszügen dokumentieren. Von Professor Andreas Kruse
Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Mit diesen drei von Immanuel Kant gestellten Fragen - die er in einer vierten Frage: "Was ist der Mensch?" zusammenführt - ist die Relation von fachlichen und ethischen Standards angesprochen. Im Kontext von Medizin und Pflege geht es um Mut zu Visionen "Was kann ich wissen?": Geriatrische Forschung und Pflegeforschung sind systematisch auszubauen, die Umsetzung der Erkenntnisse in die Aus-, Fort- und Weiterbildung ist zu gewährleisten. Dabei sollte sich die Forschung auch mit Themen befassen, die auf den ersten Blick relativ weit entfernt von den praktischen Kernaufgaben der Pflege zu liegen scheinen. Zu denken ist hier zum Beispiel an den Vergleich zwischen Effekten der Rehabilitation einerseits und der "rehabilitativen" Pflege andererseits bei älteren Menschen mit spezifischen Erkrankungen und funktionellen Einbußen; Befunde eines solchen Vergleichs könnten durchaus eine Grundlage dafür bilden, dass sich die Versorgung pflegebedürftiger und demenzkranker Menschen theoretisch-konzeptionell und praktisch weiterentwickeln kann. "Was darf ich hoffen?": (...) Im Kontext von Medizin und Pflege sollte der Mut zu Visionen bestehen, etwa derart, dass Lebensqualität, Selbstverantwortung und Teilhabe auch im Falle schwerster Erkrankung in noch stärkerem Maße als heute als zentrale und realistische Zielsetzungen wahrgenommen werden. Es lässt sich beobachten, dass Therapie- und Pflegekonzepte, die sich gezielt mit der Lebensqualität von Menschen, die an Demenz erkrankt sind, befassen, eine Verbesserung der Lebensqualität und einen Rückgang problematischen Verhaltens bei diesen Bewohnerinnen und Bewohner erreichen. Zudem wird in Therapie- und Pflegekontexten, für die Fragen der Lebensqualität zentral sind, die Beobachtung gemacht, dass auch Menschen, die an einer Demenz leiden, Augenblicke des Glücks erleben - eine Beobachtung, die zum Beispiel für die öffentlich geführte Diskussion, inwieweit es sich "lohne", in die Versorgung von Menschen mit Demenzerkrankung zu investieren, von größter Bedeutung ist: Denn nun kann nicht mehr leichtfertig argumentiert werden, diese Investition lohne nicht, da Menschen mit einer weit fortgeschrittenen Demenz nur noch Belastung, aber kein Glück, keine Freude erlebten. "Was soll ich tun?": Mit dieser Frage sind sittlich begründete Entscheidungen, dies heißt, Wertentscheidungen angesprochen. (...) Personen, die eine Entscheidung zu treffen haben, müssen über ausreichende fachliche Informationen verfügen (Ebene der instrumentellen Vernunft). Wenn solche Informationen zur Verfügung stehen und reflektiert wurden, dann ist eine weitere Ebene angesprochen, die in den Vordergrund rückt: Nämlich die Ebene der praktischen Vernunft, und mit dieser die für das Individuum zentralen Werte. Es ist hervorzuheben, dass es sehr wichtig ist, die instrumentelle und die praktische Vernunft klar voneinander zu differenzieren und dabei zu vermeiden, dass Werturteile durch angebliche fachliche Notwendigkeiten verdeckt werden. Ein Beispiel: Es wird unter Rückgriff auf angeblich bestehende Befunde, wonach bei schwerstpflegebedürftigen Menschen aktivierende Techniken keine wirkliche Verbesserung der körperlichen, der kognitiven und der emotionalen Situation bewirken, das Werturteil verdeckt, dass verfügbare Mittel nicht in die Versorgung und Betreuung von Menschen mit schwerster Pflegebedürftigkeit investiert werden sollten. Eine bedeutende Aufgabe auch und insbesondere der Politik ist es, den ethischen Diskurs über die Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber schwerstkranken und pflegebedürftigen Menschen anzustoßen und dabei auf Wahrhaftigkeit in der Argumentation zu drängen. Es kann vorhergesagt werden, dass in Zukunft dieser Diskurs mehr und mehr an Gewicht gewinnen wird. Würde des Menschen - eine gesellschaftliche Herausforderung In diesen Diskurs Ergebnisse der medizinischen Forschung wie auch der Pflegeforschung einzubringen, die zeigen, wie sehr durch Aktivierung und (verbale wie nonverbale) Kommunikation auch schwerstpflegebedürftigen Menschen geholfen und zu deren Lebensqualität beigetragen werden kann, ist eine erste wichtige Aufgabe. Die zweite lässt sich wie folgt umschreiben: Der Mensch definiert nicht die Würde des anderen Menschen. Vielmehr ist es die Aufgabe einer humanen und offenen Gesellschaft, alles dafür zu tun, dass die Würde des Menschen nicht verletzt wird.
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Ärztetag fordert Debatte über Pflege Demenzkranker
Delegierte votieren für eine 30-prozentige Aufstockung der Personalbudgets in Heimen / Plädoyer für flächendeckende geriatrische Reha
ULM. Angesichts der wachsenden Zahl dementiell erkrankter Menschen steht in Deutschland eine ethische Debatte an, "ob ein schwer demenzkranker Mensch überhaupt menschenwürdig leben kann".
Mit dieser Prognose hat Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, am Mittwoch die Delegierten des Ärztetages konfrontiert. Im Jahr 2040 werde es vermutlich mindestens zwei Millionen Menschen geben, die dementiell erkrankt sind. Dabei entstünden pro Jahr schon jetzt Behandlungskosten von 43 000 Euro pro Demenzpatient. Kruse appellierte an den Ärztetag, ein klares Signal abzugeben, "dass ein Mensch niemals die Menschenwürde eines anderen Menschen definiert". Dem Menschen sei qua seines Menschseins Würde gegeben. Der Ärztetag hat als Konsequenz seiner mehrstündigen Debatte über die Situation pflegebedürftiger - und vor allem dementiell erkrankter -Menschen in Deutschland an Politik und Gesellschaft appelliert, eine Debatte zu führen, wie die wachsende Zahl Demenzkranker künftig versorgt und dabei würdig leben können. "Wir brauchen eine Enttabuisierung der Probleme, die mit Altersverwirrtheit zusammenhängen", forderte die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer Dr. Cornelia Goesmann. Besonders der Zusammenhang von Alter, Multimorbidität und Demenz und seine Konsequenzen für Betreuung und Versorgung seien noch nicht ausreichend thematisiert worden: "Es ist uns bisher nicht gelungen, ein tragfähiges Gesellschaftskonzept für das Miteinander der Generationen zu entwickeln", so die Hausärztin Goesmann. Von den zur Zeit über eine Million Demenzkranken in Deutschland werden etwa 605 000 ambulant gepflegt "und erfahren teilweise gar keine Betreuung durch ambulante Dienste", beklagte der Altersforscher Kruse. Der Ärztetag hat sich daher für die "angemessene Versorgung" Alter und Demenzkranker in ihrem häuslichen Umfeld ausgesprochen. Dafür müssten auch Steuergesetze geändert werden. So sollten die Kosten für die Betreuung von Kindern, Kranken und alten Menschen und alten Angehörigen zu Hause "künftig voll steuerlich absetzbar sein", heißt es einem Beschluss des Ärztetags. Als völlig unzureichend wird dabei die bisherige Personalsituation in Pflegeheimen gesehen. Daher plädierte der Ärztetag für eine Aufstockung der Personalbudgets in Heimen um 30 Prozent. Die Mehrkosten sollten aus Steuermitteln und durch die Pflegeversicherung finanziert werden. Zwar begrüßten die Delegierten, dass die Bundesregierung in so genannten Leuchtturmprojekten die Forschung zur Prävention von dementiellen Erkrankungen und die Behandlung der Patienten gesondert fördert. Doch dürfe es nicht bei Modellprojekten bleiben. Nötig sei es vielmehr, die gewonnenen Erkenntnisse für die Versorgung "in der Fläche nutzbar zu machen". Der Ärztetag forderte zudem, "endlich die im Gesetz garantierte Rehabilitation geriatrischer Patienten bundesweit sicherzustellen". Denn eine ambulante oder stationäre Reha verbessere auch bei schwer demenzkranken Menschen die Mobilität und erhöhe ihre Autonomie. Nach einer solchen Reha "musste nur jeder fünfte Demenzpatient in eine Pflegeeinrichtung übersiedeln, 80 Prozent konnten nach Hause entlassen werden", berichtete Goesmann. Der Altersforscher Kruse skizzierte das Anforderungsprofil für eine humane Pflege und Betreuung demenzkranker Menschen: Auch schwerst demenzkranke Patienten, berichtete Kruse über Ergebnisse mimischer Ausdrucksanalyse von Patienten an seinem Institut, "verfügen über ein viel reichhaltigeres affektives Leben" als man gemeinhin annehme. Er widersprach damit angeblich wissenschaftlichen Befunden, wonach aktivierende Techniken (etwa Musik-, Tanz- und Maltherapie) nicht mehr die körperliche, kognitive oder emotionale Situation schwerpflegebedürftiger Menschen verbessere. Der Schutz der Würde des Menschen sei oberstes Gebot. Kruse zitierte als Gewährsmann Friedrich Schiller: "Habt ihr die Blöße des Menschen bedeckt, so zeigt sich die Würde von selbst."
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Wie können Demenzkranke besser versorgt werden?
Delegierte des Ärztetages in Ulm diskutieren über mögliche Handlungsoptionen / Immer noch erhebliche Defizite / Zahl der Erkrankungen steigt
ULM. Die Versorgung von Demenzpatienten in Deutschland bleibt unbefriedigend, die Widersprüche werden sich nach Ansicht von Experten in den kommenden Jahren verschärfen, weil die Zahl der Betroffenen rasant steigen wird. Grund genug für die Delegierten des Deutschen Ärztetags in Ulm, sich intensiv mit dem Themenkomplex Demenz und Pflege auseinanderzusetzen.
Keine Bewegung in Sachen Demenz? Professor Hans Gutzmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie- und -psychotherapie, bleibt skeptisch: Die Hoffnung, "dass die Herausforderung der Demenzen in ihrer Gesamtheit erkannt und nachhaltig gelöst wird", keime zuweilen auf, sagt er. "Aber diese Hoffnung wird leider immer wieder enttäuscht. " Kein Zweifel: Die Versorgung von Demenzpatienten wird Gesundheits- und Sozialpolitiker in Zukunft vor immer größere Herausforderungen stellen. Hauptursache ist der demografische Wandel. Etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer demenziellen Erkrankung - und die Tendenz ist steigend. Denn mit zunehmendem Alter gibt es immer mehr Demenz-Erkrankungen. Von den 75- bis 78-Jährigen sind rund zwölf Prozent, von den 80- bis 90-Jährigen ein Viertel und von den über 90-Jährigen die Hälfte der Menschen von Demenzen betroffen.
Kooperation mit Ärzten ist nicht immer befriedigend
Entfielen im Jahr 2000 auf 100 000 Einwohner etwa 1000 Demenzkranke, so ist bis zum Jahr 2050 mit einer Verdreifachung zu rechnen. Immer stärker in den Fokus rücken dabei neben Hausärzten pflegende Angehörige und Pflegedienste, die eine Schlüsselfunktion bei der Versorgung haben. Wie sieht die Versorgung im häuslichen Umfeld aus Sicht von Mitarbeitern ambulanter Pflegedienste aus? Unterstützt vom Unternehmen Merz Pharmaceuticals GmbH hat die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie zu diesem Thema vor kurzem eine aktuelle Studie vorgelegt. Eine Kernaussage: Die Kooperation mit niedergelassenen Ärzten läuft - aus Sicht der Pflegedienste - oft alles andere als optimal. Von den 903 ambulanten Diensten, die an der Befragung teilnahmen, wurden 64 970 Patienten betreut, davon hatten 12 975 eine vom Arzt diagnostizierte Demenz. Bei weiteren rund 7000 Patienten gingen die Pfleger von einer von Ärzten nicht diagnostizierten Demenzerkrankung aus. Das sind die wichtigsten Studienergebnisse:Hauptursache für einen Umzug von Demenzkranken in ein Pflegeheim ist meist eine Überforderung der pflegenden Angehörigen. Bei vielen Demenzkranken, die zu Hause versorgt werden, fehlt bisher - aus Sicht der Pflegekräfte - eine ärztliche Diagnose. Weniger als die Hälfte aller Patienten mit der ärztlichen Diagnose Demenz werden mit Antidementiva versorgt, etwa ein Drittel erhalten Neuroleptika. Die Mehrheit der Vertreter von Pflegediensten beklagt eine mangelnde Kommunikationsbereitschaft von niedergelassenen Ärzten. Das bedeutet: Zu wenige Ärzte nehmen aus Sicht der Pflegekräfte von sich aus Kontakt zu den Diensten auf. Klar wird allerdings auch: das Thema polarisiert. Immerhin ein Drittel der Pflegedienste gibt Ärzten bei der Bereitschaft zur Kontaktaufnahme gute Noten. Nur etwa jeder zehnte Pflegedienst fühlt sich umfassend zum Themenkreis Demenz informiert und beklagt Defizite. Eine deutliche Mehrheit der Pflegekräfte konstatiert, dass mehr Wissen die tägliche Arbeit erleichtern würde.Pflegekräfte fühlen sich oft schlecht über Demenz informiert. Harsch kritisiert Gerontopsychiatrie-Verbandschef Gutzmann, dass Demenzen in der im Januar 2008 veröffentlichten Liste der Krankheiten für den Morbi-Risiko-Strukturausgleich nicht aufgeführt sind. Die medizinische Versorgung der Demenzpatienten werde sich deshalb weiter verschlechtern, prognostiziert er. Gutzmanns Begründung: "Es ist für eine Krankenkasse betriebswirtschaftlich interessant, möglichst viele Patienten mit genau den Krankheiten in der Mitgliederschaft zu haben, für die sie im Finanzausgleich Geld bekommen. Die Demenzen werden nicht dazu gehören." Die Delegierten des Deutschen Ärztetages in Ulm werden sich außer einer umfassenden Bestandsaufnahme der Versorgungssituation auch mit Handlungsperspektiven für die Zukunft beschäftigen. Dabei könnten - unter anderen - folgende Fragen in den Fokus rücken:Kann durch einen Ausbau der Prävention und der geriatrischen Rehabilitation Pflegebedürftigkeit vermieden, verzögert oder gemindert werden? Wie ist es in Zukunft möglich, ambulante Pflegeangebote und alternative Wohnkonzepte zielgerichtet auszubauen? Wie kann Versorgungsmanagement mit dem Hausarzt als Koordinator verbessert werden?Die Delegierten werden einen weiteren Aspekt im Blick behalten: Entscheidend für eine bessere Versorgung ist eine offene gesellschaftliche Debatte, die zwei Ziele in den Fokus rückt: Tabus müssen abgebaut werden, Demenzkranke und ihre Angehörige dürfen in unserer Gesellschaft nicht länger das Gefühl haben, isoliert zu sein.
Herausforderung Demenz
Etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer demenziellen Erkrankung. Häufigste Ursache eines demenziellen Syndroms im Alter ist mit 60 Prozent die Alzheimer-Demenz. Etwa 25 bis 30 Prozent der Demenzkranken werden von Familienangehörigen betreut. Die Mehrheit der Deutschen (58 Prozent) wollen - wie eine Befragung des Unternehmens Janssen-Cilag ergeben hat - bei einer Alzheimer-Erkrankung zu Hause oder bei Angehörigen gepflegt werden. Zugleich sieht die Bevölkerung die Notwendigkeit, Demenz-Patienten für die sachkundige Betreuung finanziell zu unterstützen: 78 Prozent der Befragten befürworten die mit der Pflegereform geplante Erhöhung der finanziellen Zusatzleistung für Demenzkranke von bis zu 2400 Euro jährlich.
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Demenzrisiko steigt mit Blutzucker
Kognitive Defizite sogar bei Nicht-Diabetikern mit reduzierter Glukosekontrolle
MÜNSTER (hbr). Ein erhöhter Blutzucker scheint schon bei alten Menschen ohne manifesten Diabetes zum geistigen Abbau beizutragen. Das hat eine Analyse von HbA1c-Werten und kognitiver Leistungsfähigkeit ergeben.
Gibt es auch bei Nicht-Diabetikern Zusammenhänge zwischen Blutzuckerkontrolle und geistiger Leistungsfähigkeit? Dieser Frage sind Professor Stefan Knecht und seine Kollegen in der Münsteraner Gesundheitsstudie nachgegangen. Nach Studiendaten können erhöhte Glukosewerte die geistige Leistung beeinträchtigen. So sind bei Typ-2-Diabetikern die Merkfähigkeit und andere kognitive Leistungen leicht verringert, berichtete der Neurologe von der Uniklinik Münster. Zudem erkranken 7 bis 13 Prozent der Typ-2-Diabetiker an Demenz. Morbus Alzheimer ist bei Diabetikern 1,5- bis 2-mal häufiger als in der Normalbevölkerung und vaskuläre Demenz 2- bis 2,5-mal häufiger. Schädigungen wurden ab einem HbA1c von 6,1 Prozent registriert. In Münster haben der Neurologe und seine Kollegen 286 Personen ohne Diabetes im mittleren Alter von 63 Jahren untersucht. Dabei wurden der HbA1c-Wert gemessen, kognitive Fähigkeiten geprüft, das Hirnvolumen ermittelt und nach Schädigungen der weißen Substanz gesucht. Jeder dritte Teilnehmer der Studie hat Bluthochdruck und ähnlich viele eine Dyslipidämie. Das Ergebnis: Der durchschnittliche HbA1c-Wert betrug 5,7 Prozent. Und: "Ab einem HbA1c von 6,1 Prozent können wir eine Schädigung feststellen, besonders bei Lernen und Gedächtnis", sagte Knecht beim Diabetes-Kongress in Münster. Möglicherweise hängt das mit Schäden in der weißen Substanz zusammen. Denn bei hochnormalem HbA1c kommt es zu einer leicht erhöhten Demyelinisierung - allerdings nicht in einem Maß, das den Umfang der Schäden erklären würde. Auch stellten die Forscher bereits bei gering erhöhten HbA1c-Werten eine Assoziation mit einer Gehirnatrophie fest - die Werte korrelieren mit Volumen, Lern- und Merkfähigkeit. Und das, sagte Knecht, hatte auch nach der Bereinigung von Risikofaktoren Bestand.
_______________________________________________________________________ Schlecht fürs Gehirn: früher Typ-2-Diabetes
Studie mit 2500 Männern
UPPSALA (hub). Wer als Mann im mittleren Alter einen Typ-2-Diabetes entwickelt, hat ein erhöhtes Risiko, an Morbus Alzheimer zu erkranken. Das hat Studie mit fast 2500 Männern ergeben. Die Bevölkerungsstudie war 1970 mit 2322 Männern im Alter von 50 Jahren gestartet. Zu Studienbeginn wurde bei allen Teilnehmern ein Glukose-Toleranztest gemacht. Der Beobachtungszeitraum betrug 32 Jahre. Innerhalb dieser Zeit wurde bei 102 Teilnehmern eine Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert und bei 57 eine vaskuläre Demenz. 394 entwickelten eine Demenz anderer Genese oder eine Verschlechterung ihrer kognitiven Fähigkeiten (Neurology online). Diese Daten korrelierten die Forscher von der Universität Uppsala in Schweden mit denen zur Insulinresistenz bei Studienbeginn. Das Ergebnis: Eine niedrige Insulinantwort zu Studienbeginn war mit einem 50 Prozent erhöhten Demenz-Risiko verbunden. Das galt auch nach Berücksichtigung von Alter, BMI, Blutdruck- und Blutfettwerten sowie weiteren Parametern. "Die Ergebnisse legen eine Verbindung zwischen Problemen beim Insulin mit dem Ursprung eines M. Alzheimer nahe und betonen die Bedeutung des Insulins für eine normale Hirnfunktion", so Studienleiterin Professor Elina Rönnemaa. Diese Insulinprobleme könnten Schäden in den zerebralen Blutgefäßen verursachen, welche zu Störungen der Gedächtnisfähigkeit führen. Weitere Forschungen seien jedoch nötig. _______________________________________________________________________
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