Was Juristen und Architekten über Demenz wissen sollten
Uni Witten/Herdecke will diverse Berufsgruppen fit für die Versorgung von Demenzpatienten machen.
KÖLN (iss). Mit einem neuen interdisziplinären Teilzeitstudiengang will die Uni Witten/Herdecke (UW/H) Vertreter verschiedener Berufsgruppen fit machen für die gezielte Versorgung von Menschen mit Demenz.
Das neue berufsbegleitende Angebot läuft über drei Jahre und startet im kommenden Wintersemester. "Eine Marktanalyse hat gezeigt, dass die Berufschancen für die Absolventen des Studiengangs gegenwärtig bereits sehr groß sind und zukünftig noch weiter wachsen werden." Darauf verwies Professor Christel Bienstein vom Department für Pflegewissenschaft der UW/H, das gemeinsam mit den Departments für Human- und Zahnmedizin Lehre und Forschung gestaltet. Angebot für Interessenten mit abgeschlossener akademischer Ausbildung
Der Masterstudiengang richtet sich an Interessenten aus unterschiedlichen Berufsfeldern, die schon eine abgeschlossene akademische Ausbildung haben und spezielle Kompetenzen für die Versorgung von Demenzpatienten erwerben wollen. Neben Ärzten und Pflegern sind das beispielsweise Sozialarbeiter, Pädagogen, Juristen oder Architekten.
Das Arbeitsfeld Demenz wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen, sagt Bienstein. Das werde mit der Entwicklung neuer Berufsfelder im Segment der Gesundheitsfürsorge verbunden sein.
"Dafür werden dringend Fachleute gebraucht. Die möchten wir ausbilden." Für die Teilnahme an dem Masterstudiengang fallen 16 000 Euro an Gebühren an.
________________________________________________________________
Vitamin-B12-Mangel lässt Gehirn schrumpfen
B-Vitamine könnten sich als Mittel erweisen, das Gehirn im Alter länger fit zu halten, wie aus einer US-amerikanischen Studie hervorgeht. Denn wer zu wenig an B-Vitaminen hat, baut geistig schneller ab.
Von Thomas Müller
Vitamin-B12-Mangel lässt Gehirn schrumpfen
CHICAGO. Bekanntlich ist das Gehirn im Alter nicht nur weniger leistungsfähig als in jungen Jahren, es verliert auch zunehmend an Masse.
Könnte man diesen Prozess bremsen, wären die Alten vermutlich nicht nur geistig fitter, eine Demenz, so die Hoffnung, würde sich dann auch erst später zeigen.
Als Jungbrunnen fürs alternde Gehirn sind seit einiger Zeit B-Vitamine im Gespräch. Mit B-Vitaminen und Folsäure gegen Hirnatrophie
Vor etwa einem Jahr hatte eine britische Arbeitsgruppe eine Studie präsentiert, nach der eine Behandlung mit B-Vitaminen und Folsäure die Hirnatrophie tatsächlich bremsen kann.
Auf die kognitiven Fähigkeiten hatte die Therapie jedoch keinen Einfluss, dafür war die Studie möglicherweise zu klein und die Behandlungsdauer zu kurz.
Nun liefert ein Team um Dr. Christine C. Tangney vom Rush University Medical Center in Chicago im Bundesstaat Illinois Hinweise dafür, dass B-Vitamine nicht nur die Atrophie, sondern auch den geistigen Abbau bremsen (Neurology 2011; 77: 1276-1282). Marker deuten auf kognitive Leistung hin
In ihrer Studie wurden allerdings keine B-Vitamine verteilt, vielmehr schauten sich die Wissenschaftler die Serumspiegel von vier Markern an, die einen Vitamin-B12-Mangel anzeigen: Dies waren Homocystein, Methylmalonat, Cystathionin und 2-Methyl-Zitronensäure.
Die Konzentrationen der Marker setzten die Wissenschaftler ins Verhältnis zur kognitiven Leistung und bestimmten viereinhalb Jahre später per Magnetresonanztomografie (MRT) das Gehirnvolumen.
Insgesamt konnten die Wissenschaftler Daten von 121 Personen einer Bevölkerungsstudie auswerten. Alle Teilnehmer waren über 65 Jahre alt. Homocystein hoch, Kognition erniedrigt
Die Forscher fanden heraus, dass Teilnehmer, bei denen die Werte für die vier Marker erhöht waren, in den 17 Kognitionstests deutlich schlechter abschnitten als Teilnehmer mit normalem Vitamin-B12-Status.
So ließ sich für eine Erhöhung des Homocystein-Wertes um 10 μmol / l eine Abnahme des globalen Kognitionswertes um 0,3 Punkte errechnen.
Zum Vergleich: Erhöhte Homocystein-Werte beginnen in der Regel bei 13 μmol / l. Weiße Subsatnz geschädigt
Der globale Kognitionswert summierte die Ergebnisse der 17 Einzeltests und lag bei den Studienteilnehmern zwischen 1,4 und minus 2,2 Punkten. Zugleich war bei erhöhten Werten der Vitamin-B12-Marker die Hirnatrophie deutlich stärker ausgeprägt.
Hohe Homocystein-Level gingen zudem vermehrt mit Mikroinfarkten und einer Hyperintensität der weißen Substanz einher. Dies deutet auf eine Schädigung der Myelinisierung.
Die Forscher vermuten, dass hohe Homocystein-Werte als Folge des B-Vitaminmangels vor allem die weiße Substanz schädigen und Infarkte begünstigen, wohingegen die anderen Marker direkt an der Atrophie beteiligt sein könnten.
_____________________________________________________________
Aufwertung der Pflege "nicht auf Kosten der Ärzte"
KV Niedersachsen will nicht mehr Kompetenzen für die Pflege
Nach dem der Gemeinsame Bundesausschuss die Weichen dafür gestellt hat, dass Pflegekräfte bald als Leistungserbringer gelten können, warnt die KV Niedersachsen vor den Folgen.
HANNOVER (cben). Die KV Niedersachsen hat die "klare Abgrenzung von ärztlichen und nicht-ärztlichen Tätigkeiten" in der Pflege gefordert. Diagnose und Therapie sollen in ärztlicher Hand bleiben, so die KVN.
Pflegekräfte sollen bald als Leistungserbringer im Gesundheitswesen gelten. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat mit dem aktuellen Beschluss zu den Heilkunderichtlinien den Weg dafür bereitet.
Danach können besonders qualifizierte Schwestern und Pfleger die vom Arzt verordnete Therapie fachlich, wirtschaftlich und rechtlich in Eigenverantwortung ausführen. Warnung vor Aufsplitterung ärztlicher Kompetenz
Zunächst soll das Modell bei Patienten mit Bluthochdruck, Demenz, chronischen Wunden sowie Diabetes Typ I und II in Pilotprojekten erprobt werden. Die Kompetenzerweiterung erstreckt sich allerdings nicht auf Mediznische Fachangestellte.
"Es darf auf keinen Fall zur einer Aufsplitterung der ärztlichen Kompetenz kommen", kommentierte der KVN-Vize Dr. Jörg Berling.
"Natürlich muss es zum Abbau der Schnittstellenproblematik im Pflegebereich kommen. Trotzdem sind klare Grenzen einzuhalten. Der Mangel an Pflegekräften darf nicht dazu führen, den Pflegeberuf auf Kosten der Ärzte aufzuwerten", sagte der KVN-Vize. Diagnostik und Therapie nur durch den Therapie
Bertling: "Ich spreche mich dagegen aus, ärztliche Kompetenz zugunsten anderer Berufe zu substituieren. Ärztliche Tätigkeiten unter Verantwortung des Arztes zu delegieren, da habe ich keine Einwände."
Die Entscheidungen bei Diagnostik und Therapie sowie die Budget-Verantwortung müssten dem niedergelassenen Arzt vorbehalten bleiben, so Berling.
Er sei dezidiert für eine konstruktive Zusammenarbeit aller Berufsgruppen in der Gesundheitsversorgung. "Dabei muss aber jeder Berufszweig in der Patientenversorgung für seinen eigenen Bereich die Verantwortung übernehmen."
_____________________________________________________________________________
Demenz-Schutz: Sartane auf Platz Eins
Aufwind für die Sartane: Patienten, die gegen Bluthochdruck mit AT1-Blockern behandelt werden, entwickeln seltener eine Alzheimer-Demenz als Patienten mit anderen Blutdrucksenkern. Diesen bekannten Befund bestätigen jetzt britische Forscher.
Schutz vor Demenz: Sartane bei Antihypertensiva auf Platz Eins
BRISTOL (BS). Stärker als andere Antihypertensiva scheinen AT1-Blocker vor einer Alzheimer-Demenz zu schützen.
In einer Fall-Kontroll-Studie hatten Hypertoniker unter AT1-Blockern im Vergleich zu anderen Blutdrucksenkern ein um 53 Prozent geringeres Erkrankungsrisiko.
Unter ACE-Hemmern war das Risiko im Vergleich um 24 Prozent reduziert. Studie mit 9197 Patienten ab 60 Jahre
Forscher um Dr. Patrick G. Kehoe von der Universität Bristol haben in einem britischen Register 9197 Hausarztpatienten im Alter ab 60 Jahre identifiziert, die antihypertensiv behandelt wurden und bei denen von 1997 bis 2008 Alzheimer-Demenz (5797 Patienten), vaskuläre Demenz (2186) oder unspezifische Demenz (1214) diagnostiziert worden war.
Ihnen wurden bis zu vier Kontrollpersonen gleichen Alters und Geschlechts aus derselben Arztpraxis gegenübergestellt (Journal of Alzheimer's Disease 2011; 26: 699).
Ergebnis: Patienten, die irgendwann einmal mindestens sechs Monate lang einen AT1-Blocker oder einen ACE-Hemmer erhalten hatten, entwickelten seltener irgendeine Form von Demenz als Patienten unter anderen Hochdruckmitteln. Risikosenkung mit AT1-Blocker
Das Alzheimerrisiko wurde durch AT1-Blocker stärker reduziert als durch ACE-Hemmer (Odds Ratio 0,47 und 0,76). Bei den anderen Demenzformen fiel die Risikosenkung etwas geringer aus (vaskuläre Demenz: OR 0,70 und 0,82, andere Demenz: OR 0,62 und 0,85).
Die Schutzwirkung zeigte sich unabhängig von Alter, Begleiterkrankungen und Blutdruck der Patienten. Sowohl bei AT1-Blockern als auch bei ACE-Hemmern fanden sich Hinweise auf eine Dosisabhängigkeit der demenzpräventiven Wirkung.
Beschränkte sich die Analyse allerdings auf Patienten, die AT1-Blocker oder ACE-Hemmer als Monotherapie erhalten hatten, dann war nur bei den AT1-Blockern ein verringertes Demenzrisiko feststellbar. Antidementive Wirkung von Sartanen durch Beteiligung des Angiotensin-II-Signalweges
Die geringere Inzidenz von Alzheimer-Erkrankungen unter AT1-Antagonisten steht in Einklang mit Ergebnissen aus früheren Beobachtungsstudien. Um die Kausalität des Zusammenhangs zu beweisen, ist allerdings die Bestätigung durch prospektive randomisierte Studien erforderlich, wie auch die Studienautoren betonen.
Eine mögliche Erklärung für eine antidementive Wirkung von Sartanen ist die heute postulierte Beteiligung des Angiotensin-II-Signalweges an der Alzheimerentstehung. AT1-Blocker haben nach dieser Theorie gegenüber den ACE-Hemmern den Vorteil, dass sie nicht den durch das Angiotensin Converting Enzyme (ACE) vermittelten Abbau der Beta-Amyloid-Peptide blockieren.
___________________________________________________________________________________________
Schwarz-Gelb einigt sich auf Pflegereförmchen
Die ersten Eckpunkte der Pflegereform stehen: Der Pflegebeitrag soll steigen, außerdem hat sich Bahr mit seinem Wunsch nach einer Kapitaldeckung durchgesetzt. Verbände und Opposition ätzen: Die Pläne sind nicht mehr als ein Reförmchen.
Von Anno Fricke
Doch nur eine Mini-Pflegereform
BERLIN. "Symbolpolitik", "Farce", "Enttäuschung": Was der Koalitionsgipfel am Sonntag zur Reform der Pflegeversicherung und des Pflegebedürftigkeitsbegriffs beschlossen hat, lehnen Opposition und Pflegeverbände weitgehend ab.
"Pflegebedürftige, Angehörige und Pflegekräfte müssen sich verschaukelt vorkommen", kommentierte der Präsident des Deutschen Pflegerates Andreas Westerfellhaus den Kompromiss zur Pflege.
Die Spitzen der schwarz-gelben Regierungskoalition hatten sich darauf geeinigt, den Beitrag zur Pflegeversicherung ab 2013 um 0,1 Prozentpunkte anzuheben. Beirat soll wieder eingesetzt werden
Die Mehreinnahmen von gut einer Milliarde Euro sollen zunächst unter anderem Demenzkranken zugute kommen, die dann von zusätzlichen Leistungen aus der Pflegeversicherung profitieren können.
Bislang gibt es für sie unter bestimmten Umständen Betreuungspauschalen von höchstens 200 Euro.
Wie die Demenzkranken in die Pflegeversicherung einbezogen werden sollen, steht noch nicht fest. Ein Regierungsbeirat hatte bereits im Januar 2009 Modelle vorgestellt. Dieser Beirat soll nun wieder eingesetzt werden.
Dies hatte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) bereits im vergangenen August angekündigt. Der Beirat hatte je nach Auslegung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs Mehrkosten von bis zu sechs Milliarden Euro im Jahr angekündigt. Vom Beiratsvorsitzenden Jürgen Gohde war am Montag keine Stellungnahme zu erhalten. Heftige Kritik aus den Verbänden
"Jetzt rächt es sich, dass die Bundesregierung nicht vorher die Inhalte der Pflegereform festgelegt hat", sagte der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Hospizstiftung, Eugen Brysch, am Montag dazu.
Weder sei geklärt, wie kostspielige Drehtüreffekte zwischen Pflege und Krankenversicherung vermieden werden könnten, noch wie verhindert werden könne, dass für schlechte Pflege gutes Geld bezahlt werde, sagte Brysch.
Schwarz-Gelb einigt sich auf Pflegereförmchen
Die zusätzlich zur Verfügung stehende Summe von gut einer Milliarde Euro halten alle Kritiker für zu niedrig. "Mit genau 2,55 Euro am Tag wollen die Koalitionäre die Versorgung der 1,2 Millionen dementiell erkrankten Menschen verbessern", sagte Brysch.
Lediglich "kosmetische Korrekturen" in dem Kompromiss erkennt Franz Wagner, der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK).
Dass der Beirat zum Pflegebedürftigkeitsbegriff erneut tätig werden soll, kritisiert Wagner. Der Rat habe bereits 2009 festgestellt, dass die Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes politische Entscheidungen verlange. Dafür fehle wohl die politische Kraft.
Das Vorhaben der Koalition ab 2013 bleibe hinter den Erwartungen an die Pflegereform zurück, sagte Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa).
"Nüchtern betrachtet bedeutet diese Absicht, dass die Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes mit einer umfassenden Berücksichtigung der tatsächlich benötigten Leistungen für Demenzkranke auf unbestimmte Zeit verschoben ist", sagte er. Die Bundesregierung plane eine Pflegereform erst ab 2013.
"Damit ist die Finanz- und Strukturreform der sozialen Pflegeversicherung komplett gescheitert", kritisierte auch Elisabeth Scharfenberg, pflegepolitische Sprecherin der Fraktion der Grünen.
Die Aufstockung des Pflegebeitrags um 0,1 Prozentpunkte bedeute keine nachhaltige finanzielle Sicherung der Pflegeversicherung, reiche aber aus, um im Wahljahr kleine Wohltaten zu verteilen. SPD wenig begeistert
Wenig Perspektiven sieht auch die pflegepolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Hilde Matheis in dem Plan.
"Die von der Regierung vorgeschlagene Summe kann lediglich bedeuten, dass die bereits jetzt vorhandenen Leistungsansprüche aufgefangen werden", teilte sie mit.
Auf Kritik stieß auch die geplante freiwillige private Zusatzversicherung, die Gesundheitsminister Bahr als "Einstieg in die private kapitalgedeckte Vorsorge" bezeichnete.
Sie solle Verträge der 2002 eingeführten Riester-Rente beziehungsweise der betrieblichen Altersvorsorge aufstocken, solle aber auch als separater Vertrag bei der privaten Assekuranz abzuschließen sein.
Dafür solle es Zulagen und steuerliche Entlastungen geben. Diese Förderung sei ausdrücklich auch für Menschen mit geringen Einkommen gedacht, sagte Bahr am Montag. Opposition: Keine Sicherung der Pflegeversicherung
Dies sei ein "Konjunkturprogramm für die private Versicherungswirtschaft", sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles.
"Die Trennung von sozialer und privater Pflegeversicherung und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten werden damit zementiert", teilte die Linken-Politikerin Kathrin Senger-Schäfer mit.
Menschen mit geringen Einkommen blieben bei dieser Lösung außen vor. Eine nachhaltige Sicherung der sozialen Pflegeversicherung biete sie ebenfalls nicht an, sagten mehrere Oppositionspolitiker.
Auch aus den Ländern drangen am Montag kritische Stimmen. Nordrhein-Westfalens Pflegeministerin Barbara Steffens (SPD) forderte die Mitglieder der Bundesregierung auf, Praktika in der Altenpflege zu machen.
Es sei ein Skandal, dass die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff offenbar verschoben werden solle. Damit bleibe die Pflegeversicherung weiterhin Menschen vorbehalten, die körperlich beeinträchtigt seien.
Steffens bezeichnete die geplante private Zusatzvorsorge als "völlig untauglich". "Genau so wenig wie die Riester-Rente bisher erkennbar das Problem der Altersarmut löst, wird ein Pflege-Riester die Pflegearmut nicht nachhaltig bekämpfen", sagte sie.
Haushalten mit unterdurchschnittlichem Einkommen fehlten schlichtweg die Mittel, hier einzuzahlen. Schweigen bei den Unionspolitikern
"Nach einem Jahr Pflegedialog hätte ich mehr erwartet", zeigte sich Sachsens Gesundheitsministerin Christine Clauß (CDU) enttäuscht.
"Gerade die heute junge Generation hat einen Anspruch darauf, dass wir Politik mit dem Blick über die nächsten 10 oder 20 Jahre machen", sagte sie. Die CDU-Politikerin forderte eine "solide, solidarische und soziale Pflegeversicherung".
Beredt war am Montag auch das Schweigen junger Unionspolitiker zu dem am Sonntagabend gefundenen Kompromiss.
Im August hatte ein Gruppe von 22 jungen Abgeordneten um den gesundheitspolitischen Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn, und den parlamentarischen Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Stefan Müller, die Regierung aufgefordert, die Reform der Pflege so bald wie möglich anzupacken.
Im September hatte Spahn seine Vorstellungen konkretisiert. Demnach sollte jeder gesetzlich Versicherte fünf Euro im Monat für den Aufbau einer Demografiereserve beisteuern. Zudem sollte der Beitrag zur Pflegeversicherung moderat steigen.
Derzeit gehen Experten davon aus, dass jeder dritte Mann und jede zweite Frau im Lauf des Lebens an Demenz erkranken können. Das besagt der Pflegereport 2010 der Krankenkasse Barmer GEK.
Die Zahl von 1,2 Millionen Demenzkranken wird sich demnach bis 2060 auf 2,5 Millionen mehr als verdoppeln. Der Anteil steigt dann auf rund vier Prozent. 2030 insgesamt 3,4 Millionen Pflegebedürftige geschätzt
Von den Dementen gelten rund zwei Drittel als pflegebedürftig. Pro Monat braucht ein Demenzkranker laut Studienautor Heinz Rothgang von der Uni Bremen im Schnitt gut 500 Euro mehr von den Pflege - und 300 Euro mehr von den Krankenkassen als ein durchschnittlicher Versicherter.
Das sind rund 10.000 Euro im Jahr. Rechnet man die steigende Zahl der Dementen hoch, kommt man längerfristig auf einen zweistelligen Milliardenbetrag, der zusätzlich nötig wäre.
Die Zahl der Pflegebedürftigen könnte laut Experten von derzeit 2,4 Millionen bis zum Jahr 2030 auf 3,4 Millionen steigen.
2050 könnte es laut Statistischem Bundesamt sogar 4,5 Millionen Pflegebedürftige geben. Hauptgrund ist die höhere Lebenserwartung.
________________________________________________________________________________
Bahr: Pflege Demenzkranker wird verbessert
BERLIN (dpa). Nach der Grundsatzeinigung der Koalition auf eine Pflegereform hat Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) gezielte Verbesserungen für Demenzkranke in Aussicht gestellt.
Die geplante Steigerung der Mittel um gut eine Milliarde Euro pro Jahr ab 2013 werde den Demenzkranken in Deutschland zugutekommen. "Wir setzen diese begrenzten Mittel jetzt ganz gezielt ein, um die ambulante Pflege bei Demenz zu verbessern", sagte Bahr am Montag in Berlin.
Der Umfang der Finanzspritze für die gesetzliche Pflegeversicherung sei nicht gering zu schätzen - dies entspreche in dem größeren Topf der gesetzlichen Krankenversicherung quasi neun Milliarden Euro. Mit dem Geld könne man schon einiges bewegen. Minister lobt Einstieg in die Kapitaldeckung
Bahr unterstrich, erstmals werde das Thema Demenz richtig angepackt. "Ich bin sehr zufrieden", sagte er. "Wir haben eine vernünftige Lösung."
Mit der geplanten freiwilligen Absicherung nach Vorbild der Riester-Rente sei zudem ein Einstieg in eine Kapitaldeckung gelungen.
Der Pflegebeitrag steigt gemäß den Absprachen der Koalitionsspitzen vom Sonntagabend zum 1. Januar 2013 um 0,1 Punkte auf 2,05 Prozent.
Auf diese Weise sollen die ambulanten Geldleistungen für Pflegebedürftige mit erhöhtem Betreuungsbedarf gesteigert und die Betreuung im stationären Bereich ausgebaut werden. Verbesserungen bis zu nächsten Bundestagswahl
Bis Ende der Wahlperiode sollen die Arbeiten an einer systematischen Besserstellung der Demenzkranken in der Pflegeversicherung abgeschlossen sein.
Dazu soll ein Regierungsbeirat wieder eingesetzt werden, der bereits Bahrs Vorvorgängerin Ulla Schmidt (SPD) entsprechende Vorschläge gemacht hatte.
Von den 1,2 Millionen Altersverwirrten werden etwa 750.000 mit geringer Hilfe zu Hause gepflegt. Familienangehörige sind oft überlastet.
Der Regierungsbeirat hatte bereits 2009 ausgerechnet, dass eine Neueinstufung von Dementen je nach Umfang bis zu vier Milliarden Euro kostet.
Bis 2060 verdoppelt sich die Zahl der Demenzkranken laut Barmer GEK Pflegereport auf rund 2,5 Millionen.
____________________________________________________________________________________
Bahr will Pflege à la Riester verbessern
Ein "Jahr der Pflege" kündigte die Bundesregierung an - nun ist der Kompromiss nach monatelangem Tauziehen da: ein etwas höherer Beitrag, etwas mehr Geld für Demente und freiwillige Absicherung.
Mit Steueranreizen à la Riester soll die Pflegeabsicherung verbessert werden
BERLIN (dpa). Die von der FDP seit Monaten geforderte Einführung einer verpflichtenden Zusatzvorsorge für künftigen Pflegebedarf ist vom Tisch. Die Koalitionsspitzen einigten sich am Sonntag im Kanzleramt stattdessen auf steuerliche Anreize für eine freiwillige Vorsorge nach dem Muster der Riester-Rente. Der Pflegebeitrag steigt zum 1. Januar 2013 um 0,1 Punkte auf 2,05 Prozent.
Die damit gewonnenen Mittel in Höhe von einer Milliarde Euro jährlich sollen vor allem den Demenzkranken dienen, die heute in der Pflegeversicherung oft leer ausgehen - sowie ihren Angehörigen. Bahr: Vernünftige Lösung
Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte: "Das ist eine vernünftige Lösung." Sie ermögliche, schnell und wirksam die Situation für Pflegebedürftige und deren Angehörige zu verbessern. "Der besondere Betreuungsaufwand für Demenz wird endlich berücksichtigt."
CSU-Chef Horst Seehofer sagte: "Das ist eine schöne Sache, und es ist mit Augenmaß gemacht." Regierungsbeirat wird wieder eingesetzt
Zudem soll der Regierungsbeirat wieder eingesetzt werden, der bereits Bahrs Vorvorgängerin Ulla Schmidt (SPD) Vorschläge für eine bessere Eingruppierung der Dementen in die Versicherung gemacht hatte, bestätigte ein Sprecher. Die Experten sollen darlegen, wie die Demenzkranken umfassend besser versorgt werden können. Der Finanzrahmen dabei bleibe aber wie beschlossen, hieß es. 750.000 Demente von Angehörigen zu Hause betreut
Von den 1,2 Millionen Altersverwirrten werden etwa 750.000 mit geringer Hilfe zu Hause gepflegt. Familienangehörige gehen zu Hunderttausenden auf dem Zahnfleisch. Der Regierungsbeirat hatte bereits 2009 ausgerechnet, dass eine Neueinstufung von Dementen bis zu vier Milliarden Euro kostet.
"Wir schaffen den Einstieg in den Pflegebedürftigkeitsbegriff und in die private kapitalgedeckte Vorsorge", sagte Bahr. "Damit können die Menschen sicher sein, dass das Geld, das sie für ihre Pflege zurücklegen, auch dafür zur Verfügung steht." Merkel: Trotz Beitragsplus sinken Sozialbeiträge
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, trotz des Beitragsplus‘ sänken die Sozialbeiträge insgesamt, da die Rentenbeiträge um 0,3 Prozentpunkte fallen würden.
Im Bundesgesundheitsministerium geht man davon aus, dass trotz Freiwilligkeit eine geförderte private Zusatzvorsorge breit angenommen wird. Dort verwies man darauf, dass es 16 Millionen Verträge für Riester-Rente und 18 Millionen Verträge für betriebliche Altersvorsorge gebe.
Zu Bahrs Plänen zählt laut seinem Ministerium, dass sich Pflegebedürftige auch dafür entscheiden können, dass ambulante Pflegedienste für eine bestimmte Dauer zu ihnen kommen. Auf bestimmte Leistungen sollen die Pfleger dann nicht festgelegt werden. Kritik aus Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Manuela Schwesig (SPD) kritisierte den Kompromiss als ungenügend. "Aus den Verhandlungen der Koalition mit dem bisher so glücklosen Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr ist ein pflegepolitischer Offenbarungseid herausgekommen, der zeigt, dass die hoffnungslos zerstrittenen Koalitionäre weder Mut noch Kraft für tiefgreifende Reformen im Sinne der Pflegebedürftigen haben", sagte Schwesig.
___________________________________________________________________________
Pflegereform: Wer gewinnt das Tauziehen?
Die Spitzen von CDU, CSU und FDP treffen sich am Sonntag, um die Pflegereform festzuschnüren. Größter Streitpunkt ist die Finanzierung. Einen Zeitungsbericht, wonach Gesundheitsminister Bahr für die Pflege Geld aus dem Gesundheitsfonds verwenden wolle, wies das Ministerium scharf zurück.
Pflegereform: Wer gewinnt das Tauziehen?
BERLIN. Berichte, Gesundheitsminister Daniel Bahr plane drei Milliarden Euro aus dem Gesundheitsfonds in die soziale Pflegekasse umzuleiten, haben sich als falsch erwiesen.
"Das ist frei erfunden", sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Freitag der "Ärzte Zeitung".
Das "Handelsblatt" hatte gemeldet, der Beitrag zur Pflegeversicherung solle um 0,3 Prozentpunkte steigen, dafür der Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung in gleichem Umfang gesenkt werden. CDU will Beiträge zur Pflegeversicherung erhöhen
Beim Treffen der Spitzenkoalitionäre von CDU, CSU und FDP am Sonntagnachmittag werden gleichwohl Zahlenspiele dieser Art rund um den Dauerbrenner "Pflegereform" auf der Tagesordnung stehen.
Die CDU hat einen ersten Aufschlag gewagt: Die Beiträge zur Pflegeversicherung sollen steigen, möglicherweise gegenfinanziert durch sinkende Beiträge in der Rentenversicherung, sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe in einem Interview der "Leipziger Volkszeitung". Bahr gibt sich zuversichtlich
Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat sich im Vorfeld des Gipfels zuversichtlich gezeigt, dass die Koalition ihre Differenzen um die geplante Pflegereform am Sonntag beilegen kann.
Die Positionen von CDU, CSU und FDP liegen vor allem bei der Finanzierung der Reform weit auseinander. Bahr wandte sich erneut gegen eine allgemeine Beitragserhöhung, um Rücklagen für künftigen Pflegebedarf zu schaffen. Solide Finanzierung gesucht
"Eine kollektive Reserve ist schnell aufgebraucht und vor politischen Zugriffen nicht geschützt", sagte Bahr der Deutschen Presseagentur.
Es gehe bei den Verhandlungen am Sonntag um eine Lösung, die den Menschen helfe und solide finanziert sei, sagte Bahr. FDP setzt auf private Vorsorge
Die FDP geht mit ihrem Vorschlag in die Verhandlungen, die Versicherten zu verpflichten, privat vorzusorgen. Dabei beruft sie sich auf den Koalitionsvertrag, der von einer "individualisierten und generationengerechten" Lösung spricht.
Die CDU ist in der Frage der Pflegefinanzierung uneins. Der Wirtschaftsflügel plädiert wie die FDP für eine kapitalgedeckte Absicherung, die Sozialpolitiker für den Aufbau einer kollektiven Reserve über höhere Beiträge. CSU will schwere Pflegefälle aus der Pflegeversicherung nehmen
Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU) hatte darüber hinaus vorgeschlagen, die medizinische Behandlungspflege in Heimen künftig zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung abzurechnen. Das würde der Pflegeversicherung 1,6 Milliarden Euro sparen.
Die CSU will vor allem schwere Pflegefälle aus der Pflegeversicherung herausnehmen und aus dem allgemeinen Steuertopf bezahlen. Kritiker sehen bei diesem Modell allerdings das Problem, die Schnittstelle eindeutig zu definieren. Reform soll Mitte 2012 kommen
Bereits für Sommer hatte der Gesundheitsminister Eckpunkte für eine Pflegereform angekündigt, die Reform dann aber verschoben.
Gleichwohl geht die Regierung nach wie vor davon aus, bis Mitte kommenden Jahres das Reformvorhaben abschließen zu können. Demenzkranke sollen Leistungen aus Pflegeversicherung erhalten
Einig sind die Koalitionäre weitgehend darin, den Pflegebedürftigkeitsbegriff zu erweitern. Leistungen aus der Pflegeversicherung sollen dann auch Demenzkranke erhalten. Etwa 1,3 Menschen mit einer Demenz sollen derzeit in Deutschland leben.
An diesem Punkt setzt heftige Kritik von der Seite der Pflegenden ein. Für die Erweiterung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes hatte ein Expertenbeirat bereits Anfang 2009 ein Gutachten vorgelegt. Pflegerat noch nicht eingeladen
Daniel Bahr hatte im Spätsommer angekündigt, diesen Beirat wieder einzusetzen, um technische und juristische Details klären zu lassen. Für den Vize-Präsidenten des Deutschen Pflegerates, Andreas Westerfellhaus, ist dies eine Verzögerungstaktik.
Der Pflegerat, der dem Beirat angehöre, sei bislang noch nicht einmal eingeladen worden, sagte Westerfellhaus der "Ärzte Zeitung". Regierung bei Pflegereform hilflos?
Was der Beirat jetzt noch leisten könne, sei ihm nicht klar. Der Rat habe Modelle entwickelt und vorgelegt, es sei Sache des Gesundheitsministeriums den Ordnungsrahmen zu stecken, in dem die Vorschläge umgesetzt werden könnten.
Er befürchte, dass die Regierung bei der Pflegereform "hilflos" sei. Die immense Herausforderung, sich zu weit reichenden Schritten zu entschließen, wolle man wohl lieber anderen überlassen, sagte Westerfellhaus. Sozialverband Deutschland will praktische Lösungen
Vor einem schwachen Kompromiss, der lediglich dem Koalitionsfrieden diene, warnt der Präsident des Sozialverbands Deutschland Adolf Bauer. Der Verband fordert praktische Lösungen mit dem Ziel Pflegebedürftigkeit zu verringern.
So sollten unter anderem Zusatzqualifikationen von Hausärzten stärker auf die Altersheilkunde und die geriatrische Rehabilitation abgestellt werden. Grüne sind skeptisch
Die Fraktion der Grünen erwartet als kleinsten gemeinsamen Nenner eine Beitragssteigerung in der Pflegeversicherung, weil sich die Koalition nicht auf eine echte Finanzierungsreform einigen könne.
"Leistungsverbesserungen in der Pflege sind dringend notwendig, aber die Koalition vergisst darüber, dass eine grundlegende Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs überfällig ist", teilten die Grünen-Politikerinnen Elisabeth Scharfenberg und Biggi Bender mit.
_______________________________________________________________________
Demenz-Kompendium auch für die ärztliche Primärversorgung
Mit dem Kompendium "Demenzen in Theorie und Praxis" ist ein Nachschlagewerk in einer aktualisierten Neuauflage für erfahrene Kollegen verfügbar. Auch allen in der ärztlichen Primärversorgung Tätigen ist der Band eine große Hilfe.
Demenz-Kompendium auch für die ärztliche Primärversorgung
Mit steigender Lebenserwartung und einem immer größer werdenden Anteil alter Menschen in der Gesellschaft gerät das Thema Demenz unweigerlich in den Fokus gesundheitspolitischer Diskussionen.
Die zugrunde liegenden Erkrankungen und die damit verbundenen Probleme gehören nicht allein in den Fachbereich der Psychiatrie, sondern beschäftigen auch Allgemeinmediziner, Internisten, Neurologen und alle Ärzte, die alte Patienten versorgen.
Die meisten praktischen Aufgaben sind nur in enger Kooperation mit Sozialeinrichtungen, professionellen Pflegekräften und vor allem pflegenden Angehörigen zu bewältigen.
Die Neuauflage des Kompendiums "Demenzen in Theorie und Praxis", herausgegeben von Professor Hans Förstl vom Klinikum rechts der Isar der TU München, lebt von der großen klinischen Erfahrung der Autoren.
Außer klassischen Aspekten wie Ätiologie, Klinik, Diagnostik und Therapie besticht das Buch vor allem durch seine praxisrelevanten Hinweise mit erkennbarem Nutzen für Patienten, Angehörige, Ärzte und alle anderen beteiligten Berufsgruppen.
Vor kurzem haben das US-Nationale Alternsinstitut (NIA) gemeinsam mit der dortigen Alzheimer-Gesellschaft (AA) die Kriterien für die Diagnose von Demenz und Alzheimer-Krankheit nach fast 30 Jahren erstmals revidiert.
In die Neuauflage des Kompendiums wurden daher die aktuellen NIA-AA-Kriterien für die Diagnose einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (mild cognitive impairment) auf Basis einer Alzheimer-Krankheit, eines Demenzsyndroms (allgemein) und einer Demenz auf der Basis einer Alzheimer-Krankheit aufgenommen.
Hans Förstl (Hrsg.): Demenzen in Theorie und Praxis, Springer-Verlag, Heidelberg 2011. 3., aktualisierte und überarbeitete Auflage. 590 Seiten, 48, zum Teil farbigen Abb., 52 Tabellen, 34,95 Euro, ISBN-13 978-3-642-19794-9
________________________________________________________________________________
Alzheimer Gesellschaft fordert Demenzstrategie
BERLIN (eb). Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, sich für einen Nationalen Demenzplan einzusetzen.
In einem Brief schlägt die Gesellschaft vor, eine Nationale Demenzstrategie zu entwickeln, die eine koordinierte Zusammenarbeit aller Akteure vorsieht.
Die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein, teilte mit, dass Deutschland im europäischen Vergleich weit hinterher hinke. In Frankreich, Schottland und Norwegen seien bereits "vorbildliche" Pläne umgesetzt worden.
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft sieht als wichtige Ziele unter anderem eine Verbesserung bei der Diagnose und der leitliniengerechten Behandlung, die Unterstützung für Betroffene und Angehörige sowie Förderung des bürgerschaftlichen Engagements.
Außerdem müssten angesichts der steigenden Zahl der allein lebenden Menschen mit Demenz es in den Kommunen das selbständige Wohnen mit niedrigschwelligen Dienstleistungen unterstützt werden. Auch setzt sich die Deutsche Alzheimer Gesellschaft für eine bessere Prävention von Alzheimer ein.
___________________________________________________________________________
Sozialverband erhöht den Druck bei der Pflege
"Pflege geht jeden an" - der VdK macht klar, dass er sich mit Worten nicht mehr abspeisen lassen will.
Von Wolfgang van den Bergh
Sozialverband erhöht den Druck bei der Pflege
STUTTGART. Es sei eine "Sauerei", dass sich die Koalition beim Parteiengipfel unter ferner liefen mit dem Thema Pflege beschäftigt habe und die Betroffenen immer wieder vertröste.
Auf der politischen Agenda dieser Koalition stimmten die Prioritäten nicht mehr, wetterte VdK-Landeschef Roland Sing beim Gesundheitsforum des Sozialverbands in der Stuttgarter Liederhalle. Unterstützung erhielt Sing von Landessozialministerin Katrin Altpeter. Absage für Individualisierung des Risikos
Wenn bis zum vergangenen Wochenende der Kurs der SPD in Sachen Pflege-Finanzierung interpretationsfähig war, ließ die Ministerin keinen Zweifel daran, dass gesetzliche und private Pflegeversicherung zusammengelegt werden sollten.
Vor den fast 800 Teilnehmern sprach sie sich dafür aus, dass alle Bürger die Lasten der Pflegeversicherung tragen müssten. Den Plänen der Koalition nach einer Individualisierung des Risikos erteilte sie eine Absage.
Dafür bekam die Ministerin nicht nur den Applaus der Teilnehmer, sondern auch die Rückendeckung von Sing. Darüber hinaus müsse die Bemessungsgrundlage erweitert werden, forderte der VdK-Chef. Höchste Zeit, den Pflegebedürftigkeitsbegriff zu überarbeiten
"Fakt ist, die Finanzlasten sind ungleich verteilt." Nicht wirklich gehe etwas voran. So bleibe die Koalition weit hinter den von ihr geweckten Erwartungen zurück, als sie 2011 zum Jahr der Pflege ausrief. Daran könne auch das kürzlich verabschiedete Gesetz zur Pflegeteilzeit nichts ändern.
In einer Kampagne hat der VdK seine Forderungen zusammengefasst. Danach sei es höchste Zeit, den Pflegebedürftigkeitsbegriff zu überarbeiten, um damit auch an Demenz erkrankten Menschen besser gerecht zu werden, sagte Sing.
Ministerin Altpeter bedauerte, dass die Koalition erst jetzt wieder den Pflegerat mit dieser Aufgabe betraut habe. "Hier ist sehr viel Zeit verloren gegangen." Zentraler Punkt sei hier, die Pflegebedürftigen nicht nur nach ihren motorischen, sondern auch nach ihren kognitiven und integrativen Fähigkeiten zu beurteilen. Pflegestützpunkte: Wichtige Anlaufstellen für "echte Hilfe"
Sing forderte darüber hinaus einen zügigen und flächendeckenden Ausbau der Pflegestützpunkte in Baden-Württemberg. "Von unserem Ziel, pro 20.000 Einwohner einen Pflegestützpunkt zu etablieren, sind wir noch weit entfernt."
Derzeit gibt es in Baden-Württemberg knapp 50 Stützpunkte. Nach Auffassung von Altpeter sind die Stützpunkte wichtige Anlaufstellen, um pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörigen "echte Hilfe" zu bieten.
Und dabei gehe es nicht nur um die Beratung bei Anträgen, sondern auch um die Frage, ob der zu Pflegende zu Hause versorgt werden könne oder in einem Heim untergebracht werden müsse. Für Tagespflegeeinrichtungen sind rund 1,2 Millionen Euro freigegeben worden
Dass auch ohne große Pflegereform die Bundesländer ihre Hausaufgaben machen können, zeigte die Ministerin an einigen konkreten Projekten in Baden-Württemberg. Besondere Aufmerksamkeit schenkt die Landesregierung etwa dem Ausbau von Tagespflegeeinrichtungen, der zu Beginn dieses Jahres gestartet worden ist.
Allein für sechs Projekte sind rund 1,2 Millionen Euro freigegeben worden. Altpeter: "Rund 80 neue Tagespflegeplätze zur Versorgung pflegebedürftiger Menschen werden so geschaffen." Ärztliche Versorgung wird auch unterstützt
Auch für die ärztliche Versorgung sind 1,5 Millionen Euro eingeplant. In fünf Regionen sollen Lösungsansätze zur Verbesserung der haus- und fachärztlichen Versorgung in Pflegeheimen erprobt werden. Gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung müsse die Versorgung durch Fachärzte verbessert werden, sagte Sing.
Einig waren sich beide auch beim Einsatz altersgerechter Assistenzsysteme für ein selbstständiges Leben. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Sturzmatten, sondern auch von optischen und akustischen Warnsystemen. Dafür stellt das Land 1,6 Millionen Euro zur Verfügung.
Nach Angaben des VdK leben in Baden-Württemberg 240.000 pflegebedürftige Menschen, gut 150.000 davon werden zu Hause gepflegt.
|